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Schwaebische Fasnet 2024 | SWR

Folge 215 Freunde in der Mäulesmühle
Interview

Stuttgarter Nachrichten von Alexander Maier 22.01.2026
Interview Seit 30 Jahren ist Link Michel eine Größe in der Kleinkunstszene. Der schwäbische Kabarettist und Comedian hat zum Jubiläum die besten Nummern aufpoliert.
„Lachen nimmt den Druck vom Kessel"
Esslingen. Seit 30 Jahren steht er auf der Bühne, mehr als 3000 Auftritte hat Link Michel in dieser langen Zeit absolviert – regelmäßig auch im Esslinger Kabarett der Galgenstricke.
Und das Publikum kann von dem schwäbischen Kabarettisten und Comedian aus dem Neuffener Täle gar nicht genug kriegen. Zur Feier seines Bühnenjubiläums serviert Link Michel „Schampus für alle!". So nennt sich sein aktuelles Bühnenprogramm, für das er die besten Nummern aus drei Jahrzehnten frisch aufpoliert hat – handverlesen und gnadenlos witzig. Im Gespräch mit unserer Zeitung plaudert Link Michel aus dem Nähkästchen.
30 Jahre auf der Bühne, mehr als 3000 Auftritte – und trotzdem sind Sie kein bisschen leise. Macht die Arbeit noch immer so viel Spaß wie am ersten Tag?
Je älter ich werde, umso bewusster wird mir, wie glücklich ich mich schätzen kann, diesen Job machen zu dürfen. Zum Spaß gesellt sich Dankbarkeit und Freude. Diese Mischung macht es heute noch erfüllender.
Arbeiten Sie heute anders als in Ihren Anfängen?
Wenn man bei Null anfängt, erzielt man schnell Fortschritte. Je weiter man kommt, desto dünner wird jedoch die Luft nach oben. Da Stillstand Rückschritt ist und da es mein Anspruch ist, mich ständig zu verbessern, arbeite ich heute also mehr als früher.
Menschen verändern sich, Link Michel ist eine Bühnenfigur. Macht auch er eine Entwicklung durch?
Klar. Gerade macht ihm beispielsweise sein zunehmendes Alter schwer zu schaffen. Beim Stadt-Land-Fluss-Spiel den Buchfink als Tier mit „B" zu notieren, ist okay. Beim Tier mit „G" dann jedoch den Granufink auf den Plan zu bringen, ist erschreckend.
In Ihren Programmen nehmen Sie Ihr Publikum mit auf eine aberwitzige Reise durch die Skurrilitäten des Alltags. Wird die Fantasie des Comedians und Kabarettisten immer häufiger überholt von Irrungen und Wirrungen der Realität?
Natürlich hätten wir uns früher gewisse Dinge niemals vorstellen können, aber war das nicht schon immer so? Es geht weniger um die tatsächlich immer schneller einschlagenden Herausforderungen selbst, sondern darum, wie wir Menschen damit umgehen.
Hat sich das tatsächlich grundlegend verändert?
Letztlich, um die Realität komödiantisch zu beschreiben, braucht es keine Fantasie, sondern gute Beobachtung.
Kann man Sie noch verblüffen?
Immer wieder. Erst kürzlich fuhr ich mit der Deutschen Bahn nach Karlsruhe. Der Zug fuhr pünktlich ab, kam pünktlich an, und die Zugtoilette war nicht defekt. Damit hätte ich tatsächlich nie gerechnet.
Gibt es Tabus, die Sie nie brechen?
Ich würde niemals einen real existierenden, normalen Menschen bloßstellen und für ein paar billige Lacher zum Gespött der Leute machen. Logisch, man kann jemanden augenzwinkernd auf die Schippe nehmen, am Ende geht es aber stets um Respekt.
Eines Ihrer Markenzeichen ist Selbstironie. Braucht man die, wenn man gerne auch mal anderen den Spiegel vorhält?
Bevor man anderen den Spiegel vorhält, sollte man selbst ganz genau hineinschauen. Link Michel ist ein „Normalo“. Wie wir alle feiert er Erfolge, erleidet Niederlagen, und es ist eben gerade die Beschreibung seines Scheiterns, die ihn authentisch und glaubwürdig macht. Sowieso finde ich, wer sich nicht auch mal selbst durch den Kakao ziehen kann, wirkt besserwisserisch und arrogant. Eigene Unzulänglichkeiten nicht zu erkennen, spricht für mangelnde Selbstreflexion. Sich über sie zu ärgern, erhöht den Blutdruck. Über sie zu lachen, wirkt befreiend. Menschen, die das können, haben im wahrsten Wortsinne einen gesunden Humor.
Die Wirklichkeit ist manchmal ganz schön niederschmetternd. Wie wichtig ist es, dass man sich trotz alledem immer noch ein Lachen bewahrt?
Es ist existenziell. Lachen ist wie ein Ventil, das den Druck vom Kessel nimmt. Würde es kein Lachen geben, wäre dieser Planet vermutlich schon lange explodiert.
Bleibt Ihnen manchmal das Lachen auch selbst im Halse stecken?
Besonders die Berliner Politik ist eine Realsatire, bei der mir nicht nur das Lachen im Halse stecken bleibt, sondern mir außerdem noch die Zornesröte ins Gesicht steigt. Wer vom „Planeten Berlin“ herunter – bei allem natürlich legitimen Minderheitenschutz – die Mehrheit vergisst, der kämpft nicht für die Demokratie, er torpediert sie. Flankiert von Teilen der Medien vermitteln die etablierten Parteien aus ideologischer Verbohrtheit, Egozentrik und Weltfremdheit ein Bild von Deutschland, das nicht dem Bild der meisten Bürger in diesem Land entspricht. Und wenn sich so viele eigentlich gemäßigte Wähler von den demokratischen Kräften nicht mehr gesehen fühlen, wen wundert es da, wenn sich immer mehr Menschen den Radikalen zuwenden? Somit erweisen genau die Kräfte, die immer vorgeben, für die Demokratie zu kämpfen, eben derselben einen Bärendienst. Und mir als großem Anhänger der Demokratie bleibt bei dieser Ironie nicht nur das Lachen im Halse stecken – es macht mich tatsächlich auch wütend.
Ihr aktuelles Programm „Schampus für alle!“ ist ein Best-of. Wie haben Sie die Nummern ausgewählt?
So, dass die Zuschauer möglichst zwei Stunden lang nicht mehr aus dem Lachen herauskommen, abschalten und die Seele baumeln lassen können. Ich möchte einfach eine Atmosphäre der Freude und des Frohsinns bieten und hoffe, es ist mir gelungen.
Will das Publikum immer wieder Neues hören oder freuen sich viele, wenn Sie die vertrauten Nummern wieder bringen – so, wie man auch einen Lieblingssong immer wieder gern hört?
Beides. Natürlich wollen die Leute neue Nummern sehen. Oft ist es aber auch so, dass ich darum gebeten werde, die eine oder andere ältere Geschichte zu spielen. Es gibt sogar manche, die können gewisse Stücke auswendig und sprechen leise mit.
Ist gute Comedy zeitlos aktuell oder gibt es ein Verfallsdatum?
Allein der große Loriot hat diverse Nummern gemacht, die immer aktuell sein werden. Er hat einfach erkannt: Ganz egal zu welchen Zeiten – Menschen „menscheln“ eben, und wer diese immer wiederkehrende Eigenart unserer Spezies komödiantisch aufarbeitet, hat gute Chancen, auch immer zeitlos aktuell zu sein.
Das Gespräch führte Alexander Maier.